Wie ein Sowchosendorf zum mondänen Ort für Wintersportler
umfunktioniert werden soll
Russlands Präsident Wladimir Putin will aus
dem Dorf Krasnaja Poljana im Südwesten des Kaukasus einen Wintersportort
von Weltiveau machen. Im Kreml spricht man vom “russischen Davos”.
Finanzkräftige Wirtschaftsführer und die öffentliche
Hand sollen bis zu einer Milliarde Dollar investieren.
Die Fahrt auf den insgesamt vier klapprigen Sesselliften
von der Talstation auf den Berggrat Aibga hat sich gelohnt. Der frische
Pulverschnee türmt sich meterhoch. Nach Norden lässt ein
langer steiler Hang das Skifahrerherz höher schlagen, nach Süden
eröffnet sich ein prächtiger Blick auf die georgischen Gebirgsketten
und das Schwarze Meer. Skihang mit Blick aufs Meer – eine einzigartige
Kombination, die auch Wladimir Putin auffiel, als er vor zwei Jahren
erstmals im südwest-kaukasischen Kurort Krasnaja Poljana (zu Deutsch:
rotes Feld) zum Skifahren ging. Jedenfalls hat er mit dem ehemaligen
Sowchosendorf, das rund 3000 Einwohner zählt, Grosses vor. Eine
knappe Autostunde vom sowjetischen Ferienmekka Sotschi am Schwarzen
Meer entfernt soll das “russische Davos” entstehen. In
einem Jahrzehnt sollen hier bis zu 40 000 Touristen (vor allem russische)
dem Skisport frönen – auf einem Gebiet, das grösser
als die französischen Trois Vallées und auch im Sommer
befahrbar ist. Das nahe gelegene Sotschi werde dann neben Moskau und
St. Petersburg zur dritten Haupstadt des Riesenreichs, sagen die Promotoren.
Für sie sind auch Olympische Spiele im Kaukasus mehr als frommes
Wundschdenken, und in den Medien wird schon über die Durchführung
des Davoser World Economic Forum spekuliert.
Diese Pläne könnten leicht in die Schublade
russicher Grossmacht-Illusionen abgelegt werden, hätte nicht Präsident
Wladimir Putin den Sport, und den alpinen Skisport im Besonderen zur
Chefsache erklärt. Laut der Zeitschrift “Itogi” war
es der Skifan Putin persönlich, der eine Kommission (unter anderem
mit dem Chef des russischen olympischen Komitees Leonid Tjagatschow)
einberief, die die touristischen Entwicklungsmöglichkeiten von
Krasnaja Poljana einschätzen sollte. Parallel dazu erteilte der
russische Finanzgigant Interros des Oligarchen Wladimir Potanin den
Auftrag für eine Machbarkeitsstudie an die renommierte kanadische
Firma Ecosign. Und deren Chef zeigt sich begeistert: “Das Gebiet
ist Weltklasse. Etwas vom Schönsten, was ich je gesehen habe”,
sagt Präsident Paul Mathews.
Investitionen von einer
Milliarde Dollar
Die region um Krasnaja Poljana bietet vielseitige
Skipisten: für Anfänger wie für Könnerinnen. Ein
weiteres Plus: In einer guten halben Autostunde ist man am internationalen
Flughafen von Sotschi. Um aus dem kaukasischen Bauerndorf ein russisches
Davos zu machen, seien Investitionen von rund einer Milliarde Dollar
notig, sagt die Kommission. Laut der Tageszeitung “Kommersant” wurden
private Geldgeber den Kurort und die Skianlagen bauen und die öffentliche
Hand die Transport – und Energieinfrastruktur (Gas- und Elektroleitungen)
bereitstellen. Zurzeit leigen zwischen den Bauplänen in den Moskauer
Ministerien und der Realität in Krasnaja Poljana noch Welten.
Das wird bereits bei der Fahrt vom Flughafen Sotschi in Richtung Kurort
offensichtlich. Nikolai, unser Fahrer, kurvt den weissen Lada zwar
sicher durchs immer enger werdende Tal. Trotzdem hat man wegen der
schlechten Strasse und der Leitplanken, die kaputt an den Felsen hängen,
ein mulmiges Gefühl. “Ja, ja”, bestätigt Nikolai, “ab
und zu bricht auch mal ein Strassenstück weg.” Anlass zu
Hoffnung besteht allerdings. Der Bau eines 2,4 Kilometer langen Strassentunnels
ist abgeschlossen, und die breiteren Strassenabschnitte sollten bald
befahrbar sein.
Auch im lang gezogenen Dorf stehen die Zeichen
auf Umbruch. Die Schweine der ehemaligen Sowchosebauern laufen noch
frei herum; sie wollen aber nicht zu den mondänen neuen Gastätten
passen, die in Krasnaja Poljana in den letzten Jahren gebaut wurden.
Auf der Suche nach einem Hotel kann man noch skurrile Überraschungen
erleben. So sagt der Chef des schmucken Chalethotels “Haselnuss-Hain”,
dass hier Zimmer eigentlich nur an Mitglieder des Geheimdienstes FSB
vermietet würden – für 50 Dollar die Nacht.
Kostpielige Transportpreise
Die Talstation des derzeitigen Skigebietes liegt
fünf Kilometer vom Dorf weg. Ein Parkplatz, ein Sportgeschäft,
ein paar Holzhütten, wo entweder Skiausrüstung vermietet
oder Schaschlik und Tschbureki (mit Fleisch oder Käse gefülltes
Gebäck) verkauft werden. Auch ein Après-Ski-Schuppen im
Tiroler Stil fehlt nicht. “Münchhausen” nennt er sich.
Der jamaicanische Reggae passt aber nicht zur Stimmung, und der Kellner
lässt die Wodkaflasche beim Jonglieren noch fallen. Von der Talstation
gelangt man über vier Sessellift-Etappen auf den Chrebet Aigba.
Der erste der vier nicht kuppelbaren – und dementsprechend langsamen – Sessellfite
wurde 1993 erbaut. Die Förderleistung (600 Personen pro Stunde)
ist bescheiden. Trotzdem kostet eine Tageskarte stolze 450 Rubel (rund
25 Franken). Das entspreche etwa dem Wochenlohn der Arbeiter, die den
Skifahren beim Aufsteigen auf die Sessel helfen, sagt Sergei vom Stab
der Anlagebetreiber. Der Direktor des Alpika-Service, Igor Borisowitsch,
reagiert leicht düpiert auf die Frage nach den hohen Preisen. “ Wir
müssen Kredite zurückzahlen”, sagt er hinter seinem
bescheidenen Bürotisch. In der Ecke leigen neben Snowboard- und
Skischuhen ein Dutzend Papierrollen: Pläne für eine grosse
Zukunft. Eine neue Achter-Gondelbahn wird die vier Sesselifte ersetzen.
Rund 20 Millionen Dollar brauche er dafür.
Private, auch Ausländer, sollen investieren – zusammen mit
der Stadt Sotschi und der Region Krasnodar. Igor ist ein zurückhaltender
Rechner. Das Milliardenprojekt der Ecosign hält er zurzeit für
wenig realistisch. “Wer investiert schon so viel Geld? Zuerst
muss einmal die Abwasserreinigung im Dorf funktionieren – danach
können wir weiter träumen.” Tatsächlich liegt
in Krasnaja Poljana infrastrukturmässig noch vieles im Argen.
Das Dorf hat nur eine rudimentäre Abwasserreinigung und Kanalisation.
Das meiste schluckt der schmale Fluss, der durch das Dorf in Richtung
Meer fliesst. Und von den von den Moskauern geplanten Schwimmbädern,
Golf- und Tennisplätzen, Kinos, Dancings und Konferenzzentren
ist nichs zu sehen. Nach wie vor sind es die umzäunten, etwas
schäbigen Holzhäuser, die das Dorfbild prägen. “Wenn
jeder nur für sich ein Fünfsternhotel errichtet, aber nichts
für die lokale Infrastruktur tut, dann wird das hier nie ein russisches
Davos”, sagt der Gemeindepräsident Wladimir Nikolaiowitsch,
der an seinem Pult vor einer grossen russichen Fahne sitzt. Dahinter
steht das obligate Putin-Porträt, daneben eine Heilingenikone.
Wie viel der Staat tatsächlich investieren will und ob sich grosse
Firmen wie Gasprom oder Rosneft am Projekt beteiligen, ist noch offen.
Als sich Sotschi für die Olympischen Spiele 2002 beworben habe,
seien für die gesamte Region Investitionen von rund 3,5 Milliarden
Dollar budgetiert gewesen.
Skepsis unter Einheimischen
Die Einheimischen sind nicht alle von der Entwicklung
begeistert. Die besten Bauplätze werden an Moskauer verschachert,
wird im Dorf geklagt. Zudem halte mit den Touristen auch die Kriminalität
Einzug. Das Gebiet um Krasnaja Poljana war schon zur Zarenzeit als
(Sommer-) Erholungsgebiet für Petersburger und Moskauer Eliten
bekannt. 1927 entstand eine “ Basis des proletarischen Tourismus”.
Dennoch werden sich die Einheimischen an einen markanten Umbruch gewöhnen
müssen. “Hier sind überall Hotels geplant”, sagt
Nikolai und zeigt über ein freies Feld in der Nähe des Weilers
Esto Sadok, wo derzeit noch braune Stuten durch den Schnee traben.
Die region ist tatsächlich von atemberaubender
Schönheit, mit einer Vielfalt an Erlen, Buchen-, Kastanien- und
Eichenbäumen. “Manche uber 1000-jährig”, erzahlt
Nikolai. Im Sommer kommen viele Badegäste aus Sotschi für
ein paar Tage hierher zum Abkühlen beim Wandern, Fischen oder
Riverrafting. An ökologischen Bedenken wird der Ausbau zum Top-Wintersportort
kaum scheitern. Nicht in einem Land, dessen Parlament die Grenzen für
204 000 Tonnen ausländischen Atommüll geöffnet hat.
Hauptproblem sind die Finanzen. In einer ersten Etappe soll die öffentliche
Hand 50 Millionen Dollar investieren – vor allem für Strassen,
Abwasser-, Gas- und Stromleitungen. Geht es nach dem Willen der Präsidentkommission,
soll der Weltkurort Krasnaja Poljana in 15 Jahren fertig gebaut sein.
Die natürlichen Voraussetzungen seien gegeben, ist Ecosign-Präsident
Paul Mathews überzeugt. Und auch technisch könnten seine
Pläne umgesetzt werden. In Russland sei es, meint Mathews, leichter,
ein Tourismusgebiet zu erschliessen, als eine Firma für Mikroprozessoren
zu bauen.
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