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Davos
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“Neue Zürcher Zeitung” Samstag 4 Januar, 2003 - Christoph Franzen

Markanter Umbruch im “russischen Davos”


Wie ein Sowchosendorf zum mondänen Ort für Wintersportler umfunktioniert werden soll

   
   Russlands Präsident Wladimir Putin will aus dem Dorf Krasnaja Poljana im Südwesten des Kaukasus einen Wintersportort von Weltiveau machen. Im Kreml spricht man vom “russischen Davos”. Finanzkräftige Wirtschaftsführer und die öffentliche Hand sollen bis zu einer Milliarde Dollar investieren.

   Die Fahrt auf den insgesamt vier klapprigen Sesselliften von der Talstation auf den Berggrat Aibga hat sich gelohnt. Der frische Pulverschnee türmt sich meterhoch. Nach Norden lässt ein langer steiler Hang das Skifahrerherz höher schlagen, nach Süden eröffnet sich ein prächtiger Blick auf die georgischen Gebirgsketten und das Schwarze Meer. Skihang mit Blick aufs Meer – eine einzigartige Kombination, die auch Wladimir Putin auffiel, als er vor zwei Jahren erstmals im südwest-kaukasischen Kurort Krasnaja Poljana (zu Deutsch: rotes Feld) zum Skifahren ging. Jedenfalls hat er mit dem ehemaligen Sowchosendorf, das rund 3000 Einwohner zählt, Grosses vor. Eine knappe Autostunde vom sowjetischen Ferienmekka Sotschi am Schwarzen Meer entfernt soll das “russische Davos” entstehen. In einem Jahrzehnt sollen hier bis zu 40 000 Touristen (vor allem russische) dem Skisport frönen – auf einem Gebiet, das grösser als die französischen Trois Vallées und auch im Sommer befahrbar ist. Das nahe gelegene Sotschi werde dann neben Moskau und St. Petersburg zur dritten Haupstadt des Riesenreichs, sagen die Promotoren. Für sie sind auch Olympische Spiele im Kaukasus mehr als frommes Wundschdenken, und in den Medien wird schon über die Durchführung des Davoser World Economic Forum spekuliert.

   Diese Pläne könnten leicht in die Schublade russicher Grossmacht-Illusionen abgelegt werden, hätte nicht Präsident Wladimir Putin den Sport, und den alpinen Skisport im Besonderen zur Chefsache erklärt. Laut der Zeitschrift “Itogi” war es der Skifan Putin persönlich, der eine Kommission (unter anderem mit dem Chef des russischen olympischen Komitees Leonid Tjagatschow) einberief, die die touristischen Entwicklungsmöglichkeiten von Krasnaja Poljana einschätzen sollte. Parallel dazu erteilte der russische Finanzgigant Interros des Oligarchen Wladimir Potanin den Auftrag für eine Machbarkeitsstudie an die renommierte kanadische Firma Ecosign. Und deren Chef zeigt sich begeistert: “Das Gebiet ist Weltklasse. Etwas vom Schönsten, was ich je gesehen habe”, sagt Präsident Paul Mathews.

   Investitionen von einer Milliarde Dollar

   Die region um Krasnaja Poljana bietet vielseitige Skipisten: für Anfänger wie für Könnerinnen. Ein weiteres Plus: In einer guten halben Autostunde ist man am internationalen Flughafen von Sotschi. Um aus dem kaukasischen Bauerndorf ein russisches Davos zu machen, seien Investitionen von rund einer Milliarde Dollar notig, sagt die Kommission. Laut der Tageszeitung “Kommersant” wurden private Geldgeber den Kurort und die Skianlagen bauen und die öffentliche Hand die Transport – und Energieinfrastruktur (Gas- und Elektroleitungen) bereitstellen. Zurzeit leigen zwischen den Bauplänen in den Moskauer Ministerien und der Realität in Krasnaja Poljana noch Welten. Das wird bereits bei der Fahrt vom Flughafen Sotschi in Richtung Kurort offensichtlich. Nikolai, unser Fahrer, kurvt den weissen Lada zwar sicher durchs immer enger werdende Tal. Trotzdem hat man wegen der schlechten Strasse und der Leitplanken, die kaputt an den Felsen hängen, ein mulmiges Gefühl. “Ja, ja”, bestätigt Nikolai, “ab und zu bricht auch mal ein Strassenstück weg.” Anlass zu Hoffnung besteht allerdings. Der Bau eines 2,4 Kilometer langen Strassentunnels ist abgeschlossen, und die breiteren Strassenabschnitte sollten bald befahrbar sein.

   Auch im lang gezogenen Dorf stehen die Zeichen auf Umbruch. Die Schweine der ehemaligen Sowchosebauern laufen noch frei herum; sie wollen aber nicht zu den mondänen neuen Gastätten passen, die in Krasnaja Poljana in den letzten Jahren gebaut wurden. Auf der Suche nach einem Hotel kann man noch skurrile Überraschungen erleben. So sagt der Chef des schmucken Chalethotels “Haselnuss-Hain”, dass hier Zimmer eigentlich nur an Mitglieder des Geheimdienstes FSB vermietet würden – für 50 Dollar die Nacht.

   Kostpielige Transportpreise

   Die Talstation des derzeitigen Skigebietes liegt fünf Kilometer vom Dorf weg. Ein Parkplatz, ein Sportgeschäft, ein paar Holzhütten, wo entweder Skiausrüstung vermietet oder Schaschlik und Tschbureki (mit Fleisch oder Käse gefülltes Gebäck) verkauft werden. Auch ein Après-Ski-Schuppen im Tiroler Stil fehlt nicht. “Münchhausen” nennt er sich. Der jamaicanische Reggae passt aber nicht zur Stimmung, und der Kellner lässt die Wodkaflasche beim Jonglieren noch fallen. Von der Talstation gelangt man über vier Sessellift-Etappen auf den Chrebet Aigba. Der erste der vier nicht kuppelbaren – und dementsprechend langsamen – Sessellfite wurde 1993 erbaut. Die Förderleistung (600 Personen pro Stunde) ist bescheiden. Trotzdem kostet eine Tageskarte stolze 450 Rubel (rund 25 Franken). Das entspreche etwa dem Wochenlohn der Arbeiter, die den Skifahren beim Aufsteigen auf die Sessel helfen, sagt Sergei vom Stab der Anlagebetreiber. Der Direktor des Alpika-Service, Igor Borisowitsch, reagiert leicht düpiert auf die Frage nach den hohen Preisen. “ Wir müssen Kredite zurückzahlen”, sagt er hinter seinem bescheidenen Bürotisch. In der Ecke leigen neben Snowboard- und Skischuhen ein Dutzend Papierrollen: Pläne für eine grosse Zukunft. Eine neue Achter-Gondelbahn wird die vier Sesselifte ersetzen.

   Rund 20 Millionen Dollar brauche er dafür. Private, auch Ausländer, sollen investieren – zusammen mit der Stadt Sotschi und der Region Krasnodar. Igor ist ein zurückhaltender Rechner. Das Milliardenprojekt der Ecosign hält er zurzeit für wenig realistisch. “Wer investiert schon so viel Geld? Zuerst muss einmal die Abwasserreinigung im Dorf funktionieren – danach können wir weiter träumen.” Tatsächlich liegt in Krasnaja Poljana infrastrukturmässig noch vieles im Argen. Das Dorf hat nur eine rudimentäre Abwasserreinigung und Kanalisation. Das meiste schluckt der schmale Fluss, der durch das Dorf in Richtung Meer fliesst. Und von den von den Moskauern geplanten Schwimmbädern, Golf- und Tennisplätzen, Kinos, Dancings und Konferenzzentren ist nichs zu sehen. Nach wie vor sind es die umzäunten, etwas schäbigen Holzhäuser, die das Dorfbild prägen. “Wenn jeder nur für sich ein Fünfsternhotel errichtet, aber nichts für die lokale Infrastruktur tut, dann wird das hier nie ein russisches Davos”, sagt der Gemeindepräsident Wladimir Nikolaiowitsch, der an seinem Pult vor einer grossen russichen Fahne sitzt. Dahinter steht das obligate Putin-Porträt, daneben eine Heilingenikone. Wie viel der Staat tatsächlich investieren will und ob sich grosse Firmen wie Gasprom oder Rosneft am Projekt beteiligen, ist noch offen. Als sich Sotschi für die Olympischen Spiele 2002 beworben habe, seien für die gesamte Region Investitionen von rund 3,5 Milliarden Dollar budgetiert gewesen.

   Skepsis unter Einheimischen

   Die Einheimischen sind nicht alle von der Entwicklung begeistert. Die besten Bauplätze werden an Moskauer verschachert, wird im Dorf geklagt. Zudem halte mit den Touristen auch die Kriminalität Einzug. Das Gebiet um Krasnaja Poljana war schon zur Zarenzeit als (Sommer-) Erholungsgebiet für Petersburger und Moskauer Eliten bekannt. 1927 entstand eine “ Basis des proletarischen Tourismus”. Dennoch werden sich die Einheimischen an einen markanten Umbruch gewöhnen müssen. “Hier sind überall Hotels geplant”, sagt Nikolai und zeigt über ein freies Feld in der Nähe des Weilers Esto Sadok, wo derzeit noch braune Stuten durch den Schnee traben.

   Die region ist tatsächlich von atemberaubender Schönheit, mit einer Vielfalt an Erlen, Buchen-, Kastanien- und Eichenbäumen. “Manche uber 1000-jährig”, erzahlt Nikolai. Im Sommer kommen viele Badegäste aus Sotschi für ein paar Tage hierher zum Abkühlen beim Wandern, Fischen oder Riverrafting. An ökologischen Bedenken wird der Ausbau zum Top-Wintersportort kaum scheitern. Nicht in einem Land, dessen Parlament die Grenzen für 204 000 Tonnen ausländischen Atommüll geöffnet hat. Hauptproblem sind die Finanzen. In einer ersten Etappe soll die öffentliche Hand 50 Millionen Dollar investieren – vor allem für Strassen, Abwasser-, Gas- und Stromleitungen. Geht es nach dem Willen der Präsidentkommission, soll der Weltkurort Krasnaja Poljana in 15 Jahren fertig gebaut sein. Die natürlichen Voraussetzungen seien gegeben, ist Ecosign-Präsident Paul Mathews überzeugt. Und auch technisch könnten seine Pläne umgesetzt werden. In Russland sei es, meint Mathews, leichter, ein Tourismusgebiet zu erschliessen, als eine Firma für Mikroprozessoren zu bauen.

 

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